Ist Migräne eine chronische Krankheit? Ab wann man von chronischer Migräne spricht und wie du deine Tage zählst.
Ab wann spricht man von chronischer Migräne? Was ICHD-3 verlangt, wie du Kopfschmerz- und Migränetage zählst und was du zum Termin mitbringst.
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Migräne kehrt in Attacken wieder, und im Alltag heißt das oft schon chronisch. Als "chronische Migräne" bezeichnet die Klassifikation ICHD-3 aber nur Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen im Monat. Das muss über mehr als drei Monate so sein, und an mindestens 8 dieser Tage hat der Kopfschmerz Migränemerkmale. In Sam hältst du Migränetage im Tagebuch fest, und Sam zählt sie pro Monat zusammen.
Ob das auf dich zutrifft, ordnet deine Ärztin oder dein Arzt ein, nicht eine Zahl im Internet. Du kannst die Grundlage liefern: ein Tagebuch, in dem Kopfschmerztage und Migränetage getrennt stehen. Dieser Text zeigt, wie du sie zählst und was du zum Termin mitbringst.
Chronisch im Alltag, chronisch in der Klassifikation
Das Wort chronisch hat mehrere Bedeutungen, und sie laufen oft durcheinander. Im Alltag heißt es meist lang andauernd oder immer wiederkehrend. In diesem Sinn passt es auf viele Menschen mit Migräne.
Die Klassifikation ist enger. Dort ist chronische Migräne eine eigene Kategorie mit der Nummer 1.3, abgegrenzt von der episodischen Migräne, und deutlich seltener als diese. Eine Übersichtsarbeit fand sie in Bevölkerungsstudien meist bei 1,4 bis 2,2 von 100 Menschen.
Die Quellen nennen die Schwelle leicht unterschiedlich. ICHD-3 schreibt 15 oder mehr Tage, die IQWiG-Seite mehr als 15 Tage. Maßgeblich ist die Klassifikation ICHD-3, und die Einordnung trifft die Praxis.
Eine dritte Bedeutung steht im Sozialrecht: Für die Zuzahlungsgrenze nach Paragraf 62 SGB V gibt es den Begriff der schwerwiegenden chronischen Erkrankung. Die Definition legt der Gemeinsame Bundesausschuss fest. Ob sie auf dich zutrifft, klärst du mit deiner Krankenkasse.
Was ICHD-3 für chronische Migräne verlangt
Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft nennt vier Bedingungen. Das ist Fachtext für Praxen, kein Selbsttest.
- Kopfschmerztage: Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen im Monat, seit mehr als drei Monaten. Auch Kopfschmerz vom Spannungstyp zählt hier mit.
- Migränetage: An mindestens 8 Tagen im Monat, ebenfalls seit mehr als drei Monaten, trifft eines von drei Dingen zu. Der Kopfschmerz hat Migränemerkmale, es gibt eine Aura, oder du gehst bei Beginn von Migräne aus, und ein Triptan oder Ergotaminderivat lindert den Kopfschmerz.
- Vorgeschichte: Du hattest schon mindestens fünf Attacken, die zu Migräne passen.
- Ausschluss: Keine andere Kopfschmerzerkrankung erklärt die Beschwerden besser.
Die letzten beiden Punkte kann nur die Praxis prüfen.
Ein Rechenbeispiel mit erfundenen Zahlen: An 18 Tagen im Monat hast du Kopfschmerzen, an 6 davon mit Migränemerkmalen. Dann wären die 15 Kopfschmerztage erreicht, die 8 Migränetage nach dieser Zählung nicht. Das ist eine Rechenübung, keine Einordnung, und sie zeigt, warum die Klassifikation zwei Zahlen verlangt.
Kopfschmerzen an fast jedem Tag sind deshalb nicht automatisch chronische Migräne. Die Praxis prüft, an welchen Tagen Migränemerkmale vorlagen und ob eine andere Erklärung besser passt. Ein Anlass für das Gespräch sind sie aber allemal.
So zählst du Kopfschmerztage und Migränetage
Ein Kopfschmerztag ist jeder Tag, an dem du Kopfschmerz hattest, mit oder ohne Migränemerkmale. Du trägst alle ein. Ein Migränetag ist in der Regel ein Kopfschmerztag mit Migränemerkmalen. Nach ICHD-3 sind dafür mindestens zwei von vier Merkmale typisch: einseitig, pulsierend, mäßig bis stark, schlimmer bei Alltagsbewegung wie Treppensteigen. Dazu kommen Übelkeit oder Erbrechen, oder Licht- und Lärmempfindlichkeit zugleich.
Nach ICHD-3 zählen auch Tage mit Aura und Tage, an denen du bei Beginn Migräne vermutet hast, sofern ein Triptan oder Ergotaminderivat den Kopfschmerz gelindert hat.
Welche Tage für die Einordnung zählen, entscheidet die Praxis. Du hältst fest, was du erlebt hast. Vier Regeln helfen:
- Zähle Tage, nicht Attacken. Bei sehr häufigem Kopfschmerz lassen sich einzelne Attacken laut ICHD-3 oft nicht mehr trennen.
- Jeder Tag zählt einzeln. Hielt ein Kopfschmerz länger als einen Tag an, zählst du jeden Tag. So steht es auch im MIDAS-Bogen.
- Trag auch freie Tage ein, auf Papier reicht ein Strich. Ein leeres Feld lässt sich sonst nicht von einem vergessenen Eintrag unterscheiden.
- Schreib am selben Tag. Nach ein paar Wochen weißt du nicht mehr, ob der Dienstag ein Migränetag war.
Warum die Klassifikation ein Tagebuch verlangt
ICHD-3 schreibt selbst: Um häufig wiederkehrenden Kopfschmerz zu beschreiben, braucht es in der Regel ein Tagebuch. Darin stehen Schmerz und Begleitbeschwerden Tag für Tag, mindestens einen Monat lang. Ohne Aufzeichnung bleibt jede Zahl eine Schätzung. Versuch einmal, aus dem Kopf zu sagen, wie viele Tage mit Kopfschmerz du im letzten Monat hattest.
Das IQWiG schreibt, dass Einträge über längere Zeit mehr über deine Migräne zeigen, zum Beispiel ob sie chronisch sein könnte. Ob sie es ist, beurteilt deine Praxis. Aus dem Tagebuch liest du ab, wie oft Attacken kommen und wie oft du Medikamente genommen hast.
Vorlagen gibt es bei der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG): einen Kopfschmerzkalender zum Download und eine App. Das IQWiG bietet einen Tagebuch-Vordruck als PDF. Welches Format du wählst, ist zweitrangig. Wichtig sind die Felder und dass du dranbleibst. In Sam trägst du jede Attacke mit Beginn, Stärke, Dauer, Aura und Begleitbeschwerden ein, bei neuen Einträgen für heute stehen Schlaf und HRV aus Apple Health daneben. Welche Felder in einen Kalender gehören, zeigt der Beitrag Kopfschmerzkalender: was reingehört. Wer zusätzlich Schlaf oder Stress festhalten will, findet Anregungen in Migräne-Auslöser, Schlaf und Stress.
Akutmedikation und Einschränkung: zwei weitere Zahlen
Zum Tagebuch gehört laut IQWiG auch, ob du Medikamente genommen hast und welche. Daraus entsteht eine eigene Zahl: An wie vielen Tagen eines Monats hast du ein Akutmedikament genommen? Du zählst nur. ICHD-3 nennt als häufigste Ursache für Beschwerden, die nach chronischer Migräne aussehen, einen Kopfschmerz durch zu häufigen Gebrauch von Akutmedikamenten. Laut IQWiG können Schmerz- und Migränemittel Kopfschmerzen verstärken, wenn sie zu oft genommen werden. Auch deshalb gehört die Zahl ins Tagebuch. Was sie für dich bedeutet und ob du etwas änderst, besprichst du mit deinem Behandlungsteam.
Sam zählt diese Tage nicht. Wenn du magst, schreibst du das Akutmedikament in die freie Notiz oder zählst auf Papier mit, und deine Ärztin oder dein Arzt ordnet die Zahl ein.
Der MIDAS-Bogen zählt eine dritte Sorte Tage. Er fragt, an wie vielen Tagen der letzten drei Monate dich Kopfschmerzen bei Arbeit oder Schule, im Haushalt und in Familie oder Freizeit eingeschränkt haben. Fünf Tageszahlen ergeben den Score und einen Grad von I bis IV. Zwei weitere Fragen zählen nicht zum Score: an wie vielen Tagen du Kopfschmerzen hattest und wie stark sie waren, auf einer Skala von 0 bis 10.
Im MIDAS-Rechner füllst du den Bogen in etwa zwei Minuten aus. In Sam kommt der MIDAS einmal im Monat als kurzer Check-in. MIDAS misst die Auswirkung auf deinen Alltag, keine Klassifikation. Aus dem Score folgt also nicht, ob du eine chronische Migräne hast.
Was du zum Termin mitbringst
Wenn du den Eindruck hast, deine Migräne werde immer schlimmer, bring Zahlen statt Eindrücke mit:
- Die Zahlen der letzten drei Monate, Monat für Monat: Kopfschmerztage, Tage mit Migränemerkmalen, Tage mit Akutmedikation.
- Wie lange deine Attacken meist dauern: unter vier Stunden, bis zu einem Tag oder mehrere Tage.
- Dein MIDAS-Ergebnis mit Datum.
- Das Tagebuch selbst, als Ausdruck oder auf dem Telefon, zum Beispiel den Arztbericht aus Sam als PDF.
Drei Monate, weil die Klassifikation einen Zeitraum von mehr als drei Monaten betrachtet. Frag deine Praxis, welchen Zeitraum sie sehen möchte.
Zwei Fragen helfen am Ende: "Wie ordnen Sie meinen Verlauf ein?" und "Was soll ich bis zum nächsten Termin festhalten?" Eine allgemeine Liste für den Routinetermin steht in der Checkliste für den Arzttermin bei chronischer Erkrankung.
Wenn die Zahlen über mehrere Monate steigen, lohnt das Gespräch auch vor dem nächsten Routinetermin. Das gilt auch, wenn du die Grenzen der Klassifikation nicht erreichst.
Plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen oder Sehprobleme sind laut gesund.bund.de und IQWiG typische Anzeichen eines Schlaganfalls, manchmal zusammen mit starken Kopfschmerzen. Das ist ein Notfall für die 112, auch wenn du Migräne mit Aura schon kennst. Ob es eine Aura ist oder etwas anderes, musst du nicht selbst entscheiden. Ein Tagebuch ersetzt keinen Notruf. Wenn die Praxis geschlossen ist und die Beschwerden nicht bis zum nächsten Tag warten können, erreichst du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Migränetage in Sam zählen und als Bericht mitnehmen
Du kommst mit gezählten Tagen statt Eindrücken zum Termin, als PDF.
- Statt Papier-Kopfschmerzkalender: Jede Attacke trägst du mit Beginn, Stärke, Dauer, Aura und Begleitbeschwerden ein, und Sam zählt deine Migränetage pro Monat.
- Statt Zählen aus dem Kopf: Der Arztbericht nennt deine Migränetage, pro Monat und insgesamt, für 1, 3, 6 oder 12 Monate oder den ganzen Verlauf.
- Statt Apple Health allein: Schlaf und HRV stehen bei neuen Einträgen für heute neben deiner Attacke. Einmal im Monat kommt der MIDAS-Fragebogen dazu.
Im Migräne-Programm zählt Sam nur, was du einträgst. Kopfschmerz ohne Migräne gehört ins Symptomtagebuch, und ob eine chronische Migräne vorliegt, klärt dein Behandlungsteam.
Sam kostenlos ausprobierenSam ist ein Wellness-Begleiter und kein Medizinprodukt. Die App diagnostiziert, behandelt, heilt oder verhindert keine Erkrankung und keinen Gesundheitszustand. Konsultiere bei medizinischen Entscheidungen immer qualifiziertes Fachpersonal.
Quellen
Stand: Oktober 2026
- International Headache Society: ICHD-3, 1.3 Chronic migraine
- International Headache Society: ICHD-3, 1.1 Migraine without aura
- International Headache Society: ICHD-3, 1.2 Migraine with aura
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Migräne (Abschnitt Verlauf, aktualisiert am 13. Juli 2022)
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Migräne-Tagebuch (aktualisiert am 13. Juli 2022)
- Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: Downloads und Studien (Kopfschmerzkalender, DMKG-App)
- Stewart et al.: Development and testing of the Migraine Disability Assessment (MIDAS) Questionnaire to assess headache-related disability, Neurology 2001;56(Suppl 1):S20-S28
- MIDAS Questionnaire: Formular mit Auswertung der Grade I bis IV (Innovative Medical Research, 1997; Kopie auf fcm-algo.missouri.edu)
- Natoli et al.: Global prevalence of chronic migraine: a systematic review. Cephalalgia 2010;30(5):599-609
- gesund.bund.de: Schlaganfall (Stand 16.12.2022)
- IQWiG, gesundheitsinformation.de: Schlaganfall
- Paragraf 62 SGB V: Belastungsgrenze
- Patientenservice 116117: ärztlicher Bereitschaftsdienst und Notruf 112
Mehr zu Migräne
Häufige Fragen
Ist Migräne eine chronische Krankheit?+
Im Alltag sagen das viele, weil Migräne in Attacken wiederkehrt. In der Klassifikation ICHD-3 ist chronische Migräne enger gefasst: Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen im Monat über mehr als drei Monate, davon mindestens 8 Tage mit Migränemerkmalen. In Bevölkerungsstudien betrifft das meist 1,4 bis 2,2 von 100 Menschen. Die Einordnung trifft deine Ärztin oder dein Arzt.
Ab wann spricht man von chronischer Migräne?+
Nach ICHD-3 bei Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen im Monat, seit mehr als drei Monaten, davon mindestens 8 Tage mit Migränemerkmalen. Dazu gehören frühere Migräneattacken, und keine andere Kopfschmerzerkrankung darf die Beschwerden besser erklären. Das prüft die Praxis. Die IQWiG-Seite schreibt die Schwelle als mehr als 15 Tage.
Was ist der Unterschied zwischen Kopfschmerztagen und Migränetagen?+
Ein Kopfschmerztag ist jeder Tag, an dem du Kopfschmerz hattest, mit oder ohne Migränemerkmale. Ein Migränetag ist in der Regel ein Kopfschmerztag mit Migränemerkmalen, etwa einseitigem, pulsierendem Schmerz mit Übelkeit oder Licht- und Lärmempfindlichkeit. Auch Tage mit Aura können zählen. Die Klassifikation verlangt beide Zahlen. Welche Tage als Migränetage zählen, ordnet die Praxis zu.
Kopfschmerzen jeden Tag: Ist das chronische Migräne?+
Nicht automatisch. Chronische Migräne ist eine Einordnung der Praxis, die Tage mit Migränemerkmalen und weitere Bedingungen prüft. Kopfschmerz an vielen Tagen im Monat ist aber ein Anlass für ein Gespräch in der Praxis. Dort hilft ein Tagebuch mit Datum, Stärke und Begleitbeschwerden jedes Tages.
Wie lange muss ich ein Migränetagebuch führen?+
ICHD-3 nennt für häufigen Kopfschmerz ein Tagebuch über mindestens einen Monat, Tag für Tag. Die Kriterien für chronische Migräne betrachten mehr als drei Monate. Frag deine Praxis, welchen Zeitraum sie sehen möchte, und bring das Tagebuch mit Datum jedes Eintrags mit.
Was ist ein Tag mit Akutmedikation?+
Ein Tag, an dem du ein Akutmedikament gegen den Kopfschmerz genommen hast. Im Tagebuch zählst du diese Tage pro Monat und notierst, welches Mittel es war. Was die Zahl bedeutet und ob sie für dich wichtig ist, besprichst du mit deinem Behandlungsteam.
Was ist der MIDAS-Score bei Migräne?+
MIDAS zählt für die letzten drei Monate die Tage, an denen Kopfschmerzen dich bei Arbeit oder Schule, im Haushalt und in Familie oder Freizeit eingeschränkt haben. Fünf Tageszahlen ergeben einen Score und einen Grad von I bis IV. Er misst die Auswirkung auf den Alltag, keine Klassifikation.
Meine Migräne wird immer schlimmer: Was bringe ich zum Termin mit?+
Die Zahlen der letzten Monate: Kopfschmerztage, Tage mit Migränemerkmalen und Tage mit Akutmedikation, dazu die übliche Dauer der Attacken und dein MIDAS-Ergebnis. Bring das Tagebuch selbst mit. Frag, wie die Praxis deinen Verlauf einordnet und was du bis zum nächsten Termin festhalten sollst.