Teil der Reihe: Leben mit ME/CFS →
3 Min. LesezeitSanoLabs Editorial

Der lange Weg zur ME/CFS-Diagnose - und was Wearable-Daten zu deinem Arztgespräch beitragen können

Schätzungsweise 90 Prozent der Menschen mit ME/CFS in Deutschland sind nicht diagnostiziert. Was die Kanadischen Konsenskriterien für eine Diagnose bedeuten, und wie objektive Alltagsdaten dein Arztgespräch stärken können.

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Wenn du seit Jahren erschöpft bist und dir gesagt wurde, es sei "Stress", "Erschöpfungsdepression" oder du solltest "einfach mehr Sport machen" - du bist damit nicht allein, und das ist kein Zufall. Die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS schätzt, dass rund 90 Prozent der Menschen mit ME/CFS in Deutschland keine Diagnose haben. Das ist keine Randnotiz, sondern das zentrale Versorgungsproblem dieser Erkrankung. Sam kann dir diese Diagnose nicht geben - aber die Alltagsdaten, die zur Gesprächsgrundlage werden können, kostenlos.

Eine Erkrankung, die lange ignoriert wurde

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist keine neue Krankheit - sie existiert seit Jahrzehnten, wurde aber im deutschen Gesundheitssystem lange vernachlässigt und missverstanden. Viele Betroffene wurden und werden fälschlicherweise als psychisch oder psychosomatisch krank eingeordnet, obwohl ME/CFS von der WHO als neurologische Erkrankung klassifiziert ist (ICD-10 G93.3). Einen laborbasierten Biomarker gibt es bislang nicht - die Diagnose stützt sich auf klinische Kriteriensysteme wie die Kanadischen Konsenskriterien.

Die Folge: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS bleibt geschätzt rund 90 Prozent der Betroffenen die Diagnose verwehrt. Aktuelle Schätzungen gehen von 500.000 bis über 600.000 Menschen mit ME/CFS in Deutschland aus - mit deutlich steigender Tendenz seit der Corona-Pandemie, da ein Teil der Long-COVID-Betroffenen die Diagnosekriterien für ME/CFS erfüllt.

Wenn du das liest und dich seit Jahren nicht ernst genommen fühlst: Das liegt nicht an dir. Es liegt an einem Versorgungssystem, das diese Erkrankung zu lange falsch eingeordnet hat.

Die Kanadischen Konsenskriterien für die ME/CFS-Diagnose

Im deutschsprachigen Raum empfehlen ME/CFS-Expertinnen und -Experten überwiegend die Kanadischen Konsenskriterien (Canadian Consensus Criteria, CCC) - angewendet unter anderem am Charité Fatigue Centrum in Berlin. Kernvoraussetzungen sind unter anderem:

  • Post-exertionelle Malaise (PEM) als zentrales Symptom
  • Symptomdauer von mindestens sechs Monaten bei Erwachsenen (drei Monaten bei Kindern)
  • Zusätzliche Symptome aus mehreren Bereichen, etwa Schlafstörungen, Schmerzen, kognitive Probleme und Symptome einer autonomen oder neuroendokrinen Dysfunktion

Formal kann jede Ärztin und jeder Arzt diese Diagnose anhand der etablierten Kriterien stellen. Da viele Hausärztinnen und Hausärzte mit den Kanadischen Kriterien wenig vertraut sind, wird eine Abklärung an spezialisierten Zentren wie dem Charité Fatigue Centrum häufig empfohlen. Allein das strukturierte Interview nimmt etwa eine Stunde in Anspruch - die vollständige Diagnostik mit Ausschlussuntersuchungen zieht sich oft über mehrere Termine und Wochen hin.

Warum objektive Daten das Gespräch stärken können

Ein wiederkehrendes Muster bei ME/CFS ist, dass Symptome wie Erschöpfung, Schwindel oder "Brain Fog" von außen unsichtbar bleiben und deshalb infrage gestellt werden. Objektive, über Wochen erfasste Daten - Ruhepuls-Trend, Schlafqualität, Aktivitätsmuster - können in diesem Kontext eine andere Rolle spielen als reine Beschreibungen: Sie sind nachvollziehbar und lassen sich nicht so leicht als "Einbildung" abtun.

Das ersetzt keine strukturierte Diagnostik nach den Kanadischen Kriterien. Aber ein konkreter Bericht über deine letzten Wochen kann helfen, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen - besonders, wenn du das Gefühl hast, aus der Erinnerung heraus zu wenig Substanz liefern zu können.

So hilft dir Sam

Sam liest Ruhepuls, Schlaf und Aktivität aus Apple Health und fasst sie monatlich in einem Bericht zusammen - konkrete Wochen statt vage Erinnerungen. Das kann dir helfen, dein nächstes Arztgespräch vorzubereiten, ersetzt aber nicht die strukturierte Diagnostik nach den Kanadischen Konsenskriterien. Was orthostatische Intoleranz ist und wie sich ein Stehtest von Sams passiver Datenauswertung unterscheidet, erklärt der Artikel Ruhepuls im Stehen bei ME/CFS.

Sam kostenlos ausprobieren

Sam ist ein Wellness-Begleiter, kein Medizinprodukt. Sam diagnostiziert, behandelt oder verhindert kein ME/CFS und ersetzt keine ärztliche Diagnostik. Bei Verdacht auf ME/CFS wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt, idealerweise mit Erfahrung in der ME/CFS-Versorgung.

Quellen

Häufige Fragen

Warum dauert es in Deutschland so lange, eine ME/CFS-Diagnose zu bekommen?+

ME/CFS wurde und wird im deutschen Gesundheitssystem seit Jahrzehnten vernachlässigt und missverstanden - Betroffene werden häufig fälschlich als psychisch oder psychosomatisch erkrankt eingeordnet. Schätzungen gehen von einer erheblichen Dunkelziffer nicht diagnostizierter Betroffener aus, teils bis zu rund 90 Prozent - eine genaue Zahl lässt sich bei einer Dunkelziffer naturgemäß nicht sicher bestimmen.

Welche Kriterien werden für die Diagnose verwendet?+

Im deutschsprachigen Raum werden von ME/CFS-Expertinnen und -Experten überwiegend die Kanadischen Konsenskriterien (CCC) empfohlen, unter anderem am Charité Fatigue Centrum angewendet. Vorausgesetzt wird eine Symptomdauer von mindestens sechs Monaten bei Erwachsenen (drei Monaten bei Kindern), mit post-exertioneller Malaise (PEM) als Kernkriterium.

Wer kann die Diagnose stellen?+

Formal kann jede Ärztin und jeder Arzt die klinischen Kriterien anwenden. Da viele Hausärztinnen und Hausärzte mit den Kanadischen Kriterien wenig vertraut sind, empfehlen Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS und spezialisierte Zentren wie das Charité Fatigue Centrum jedoch häufig eine Abklärung dort. Allein das strukturierte Interview nimmt etwa eine Stunde in Anspruch; die vollständige Diagnostik mit Ausschlussuntersuchungen zieht sich oft über mehrere Termine und Wochen hin.

Wie häufig ist ME/CFS in Deutschland?+

Schätzungen schwanken stark: Aktuelle Zahlen gehen von 500.000 bis über 600.000 Betroffenen in Deutschland aus, mit deutlich steigender Tendenz seit der Corona-Pandemie. Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer, mit Erkrankungsgipfeln im Jugendalter und Mitte dreißig.